Triggerwarnung. Der Beitrag beginnt harmlos und endet in einem ziemlichen Gedankenchaos.

Ich war neulich bei einer Ausstellungseröffnung in deren Vorfeld ich mich über Ausstellung und Künstler informierte. D.h. ich las die Ausstellungsbeschreibung und das Künstlerportrait. Auch das gehört für mich zum Kontext.

Danach konnte die Ausstellung nur noch verlieren. Einer derartigen Überhöhung konnte weder Künstler noch Ausstellung gerecht werden. Michael Angelo oder Leonardo Davinci hätten ihre Probleme gehabt dem gerecht zu werden.

In einer anderen Ausstellung war ich mit S/W-Bildern von Menschen konfrontiert, denen das Leben nicht immer zugewandt waren. Es geht auch darum, diese Menschen und diese Zeichen des Lebens nicht zu verstecken, sondern als Teil des Seins zu akzeptieren.
Emotionale S/W-Bilder erwartet man allgemein in matt. Hier glänzten sie. Warum? Ein bewusster Bruch der Erwartungen? Als konsequente Fortführung des inhaltlichen Bruchs, der Ästhetisierung dessen, was meist nicht als ästhetisch empfunden wird? Glänzend, weil die Menschen auch „glänzen“?

Der Fotograf war anwesend – und im Gespräch. So hatte ich Zeit zum nachdenken während ich darauf wartete, dass er frei wurde.
„Hallo… ich habe eine Frage; warum glänzend?“, „Ehrliche Antwort?“, „Oh ja, bitte“, „Es war preiswerter.“

Legitime, ehrliche und irgendwie befreiende Antwort. Ich erklärte ihm meine Gedanken und er sagte „Schöne Worte, aber viel zu weit gedacht.“. Wir hatten noch ein gutes Gespräch über den Inhalt, das Konzept und die Entwicklung zum selbigen.
Aber, vielleicht auch weil ich dem Fotografen schon länger folge und seine Arbeiten kenne, war das Interessanteste die Antwort auf „warum glänzend?“.
Bin ich, und ich muss es jetzt mal deutlich sagen, von dem Bullshit, der oft rund um Werke erzählt wird, schon so geprägt, dass ich Dinge versuche reinzudenken, die schlicht und ergreifend nicht da sind – und auch nicht da sein brauchen?
Interessanterweise sind diese überhöhende, oft schwulstigen Worte selten von den Künstlern selbst. Zumindest habe ich dies noch nie erlebt.

Früher sagte ich oft, dass das Bild für sich stehen bzw. überzeugen muss. Das sehe ich heute differenzierter – so wie vieles andere auch.

Das Wissen um den Künstler, die Werke, die Ausstellung usw. lässt mich vieles doch anders sehen oder auch erst erkennen. Warum z.B. nahm Lindbergh bei „Untold Stories“ billiges, spiegelndes Fensterglas?

In Episode 3 des Podcasts dieMotive entsteht eine sehr interessante Diskussion über eine Ausstellung von Bildern von Paolo Pelligrin in den Deichtorhallen bei der es weniger um die Bilder als um das Ausstellungsdesign bzw. -konzept geht. Also um den Kontext.

Bei Armuts- und Elendsfotografie, die nicht in einem eindeutig dokumentarischen Kontext gezeigt wird, stelle ich oft die Frage nach der Instrumentalisierung. Ich denke als Fotograf ist das immer noch einer der besten Wege um mediale Aufmerksamkeit zu generieren.
Während ich bei dem einem Fotografen unlautere Absichten bei der Ästethisierung des Elends in Erwägung ziehe, so tue ich dies z.B. bei Salgado nicht. Warum?

Ein dreckiges Klo auf einer Schülertoilette bekommt keine sonderlich Beachtung, stellt man es in ein Museum ist es Kunst. Solche Beispiele kennen wir wohl alle und mich lässt es meist verzweifelt zurück bei dem Versuch dem Begriff „Kunst“ doch endlich etwas näher zu kommen. Ihn zu fassen, ihn in seiner Definition festzuzurren und einzuengen. Bis mir dann wieder ein- und auffällt, dass es eben sein Wesen ist, genau dies nicht zuzulassen.
Damit bin ich eindeutig ein Anhänger des Definitionsskeptizismus. Nicht von einem kunsttheoretischen Fundament aus, denn das habe ich überhaupt nicht, sondern eher aus einem Wunsch heraus.
Auf der einen Seite möchte ich „es“ verstehen, auf der anderen Seite möchte ich, dass es ein offener Begriff ist, dem damit auch eine gewisse Magie und Toleranz inne wohnt.

Der Institutionentheorie der Kunst nach Dickie widerspricht Markus Gabriel in seinem Buch „Die Macht der Kunst„. Er stellt ihr die Theorie gegenüber, dass die Kunst im Dreieck aus Kunstwerk, Künstler und Recipient entsteht. Einigen Ausführungen kann ich folgen, andere vewirren mich und manche erscheinen mir sogar widersprüchlich.

Nun, wie bringt mich all das bei der Eigangsfrage weiter? Es ist wie so oft bei dem Thema, ich verliere mich in den Gedanken, komme von Hölzchen auf keine Ahnung was und finde den Weg aus dem Labyrinth nicht mehr.

Am Ende gibt es keine bessere Antwort als „kommt drauf an“.

2 thoughts on “Wie wichtig ist der Kontext?”

  1. Sehr schön geschrieben. Normalerweise lese ich kaum Dinge über Kunst und Ausstellungen, weil ich diese zu 100% subjektiv finde. Ebenso gehen mir die Beschreibungen derselben extremst auf die Nerven, genauso ein gewisser Teil der Szene, der „Kunst“ irgendwie als Mittel nutzt, in anderen Sphären zu schweben. Keine Ahnung, ob das jetzt verständlich ist…
    Wie auch immer, schöner Stil und gut zu lesen. Danke dafür!

    Daniel

    1. Danke Dir. Ich bin immer erstaunt – und froh -, wenn jemand was mit meinem Gedankenchaos anfangen kann 🙂
      Ich glaube, gerade weil dieser Begriff sich nicht greifen lassen will, dass viele ihn auch missbrauchen. Gerne um sich zu erhöhen und abzugrenzen. Ich sehe ihn viel lieber wegen seiner „Weichheit“ als integrativ.

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