Lange Zeit habe ich mir nichts mehr von Peter Lindbergh angeschaut. Und dann stoße ich auf ein Video, in dem er – stark verkürzt – sagt, dass er sich seit Ewigkeiten keine Modenschauen mehr ansieht. Wenn auf den Laufstegen gerade Camouflage angesagt ist, würden plötzlich alle nur noch Camouflage shooten. In diese Gefahr wolle er nicht geraten. Er wolle sein eigenes Ding machen.

Ich mag Lindberghs Bilder und oft auch seine Sicht auf die Dinge. Als ich um 2016 mit der Peoplefotografie angefangen habe, war Lindbergh in meiner Bubble extrem präsent. Also habe ich mich von ihm beeinflussen lassen – ausgerechnet von jemandem, der davor warnt, sich beeinflussen zu lassen.

Natürlich habe ich nie versucht, ihn zu kopieren. Oder ich habe es mir zumindest nie eingestanden.

Ich mag seine Bilder bis heute. In dem Bildband Shadows on the Wall kann ich versinken. Ein Meisterwerk. Sehr tiefe Porträts und eine fantastische Gesamtgestaltung, die mir gar nicht wie Gestaltung vorkommt. Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.

All die Interviews, Dokumentationen und Podcasts zeigen einen authentischen, warmherzigen Menschen. Ich habe nie das Gefühl, dass es eine Kluft zwischen ihm und den Modellen gibt.

Auch Jahre nach seinem Tod ist er noch Inspiration.

„Women on Street“ ist mein Sujet – wobei es mir gar nicht so sehr um Women geht. Ob mit Anita, Janna, Yasemin, Jenny, Fabienne, Lara, Alina, Amy, Patricia, Adam, Jad oder Thomaz: Fast immer lande ich wieder bei City, Industrie, Available Light und bei dem, was die Straße gerade hergibt.

Meine Hymne;
„Ich möcht zurück auf die Straße. Möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut“. Aus dem Lied „18“ von Marius Müller Westernhagen.

Dieser Film zeigt perfekt meine Art der Fotografie. Bzw. wie ich mir meine Fotografie wünsche.
Der Mix aus Street und Porträt. Wie ein Passant – mit Kamera. Du bewegst dich, ich bewege mich. Alles bewegt sich. Das Licht ist das Licht. Die Szene die Szene. Du bist du.
Kein (Mikro)Posing, kein noch mal schnell die Haare machen, den Reflektor auspacken.
Kein Drehbuch. (Fast) Keine direkte Interaktion mit der Kamera. Fast keine Anweisungen.
Wenig Kontrolle. Viel Raum für Spontanität und echtes Leben. Und fürs Scheitern.
Viele Bilder gelingen nicht. Die, die gelingen, sind es dafür wert.
Es ist ein Abenteuer auf das man sich einlassen muss.